Leben ohne Wohnung – wie funktioniert das?

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    Leben ohne Wohnung Bravebird

    Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich meinen Job und meine Wohnung gekündigt und bin mit diesem Schritt aus allem ausgestiegen. Erstmal keine Verantwortung mehr, nur 100% Freiheit leben. Meine restlichen Sachen hatte ich in einem kleinen Lagerraum verstaut und mit meinem Ersparten wollte ich mir ein bis zwei Jahre Zeit geben, um mich neu zu orientieren und herauszufinden, wo ich wie leben und arbeiten möchte.

    Downshifting nennt man das heutzutage: Leben mit weniger Geld, dafür im Gegenzug mehr Zeit für die Dinge haben, die im Leben wirklich wichtig sind. Ohne Druck, Stress oder steife Pläne leben – vielleicht nicht für immer, aber wenigstens für eine bestimmte Zeit.

    Warum die Wohnung aufgeben?

    Für mich war es zum damaligen Zeitpunkt die einzige und richtige Lösung. Ich wollte mindestens ein Jahr lang auf Weltreise gehen und danach in Ruhe entscheiden können, wie es weitergeht. Da ich keine Auszeit mit anschließendem Wiedereinstieg in meinen alten Job gewählt hatte, wollte ich nicht in die Situation geraten, nach einem Jahr ohne regelmäßiges und vor allen Dingen hohes Einkommen in meine Miete von 1.150 Euro warm wieder einsteigen zu müssen. Eine eigene Wohnung birgt die höchsten monatlichen Grundkostenund wenn man sich reduzieren möchte, kann man hier die meisten Kosten sparen.

    Gleichzeitig sollte mir der Erlös aus dem Verkauf meiner Möbel und diversen Wertsachen ein gewisses finanzielles Polster verschaffen, mit dem ich die Weltreise und die Zeit danach finanzieren könnte. In meinem 6 qm Lagerraum habe ich dann die Dinge und Gegenstände verstaut, die nach meiner Rückkehr die Basis für eine kleine Wohnung darstellen würden (Bett, Esstisch, Couch, Regale, Waschmaschine, Küchen-Utensilien usw.) Zudem hatte ich mir einen VW Camper zugelegt, der sowohl Reisemittel als auch eventuell eine Unterkunft darstellen würde.

    Ein weiterer Faktor für die Aufgabe der damaligen Wohnung war mein Wunsch nach räumlicher Veränderung. Ich würde zukünftig nicht mehr mitten in der Stadt wohnen wollen. Das Jahr auf Weltreise sollte eine gute Gelegenheit sein, um mir Gedanken darüber zu machen, ob vielleicht mal eine andere Stadt oder ein anderes Land zum Leben in Betracht kommen könnte. Als Single liegt einem diesbezüglich im wahrsten Sinne des Wortes die Welt zu Füßen, was allerdings bekanntlich eine Entscheidung schwieriger werden lässt als bei geringerer Auswahl.

    Leben und Arbeiten im Camper

    Gedanken während der Wohnungslosigkeit

    Zugegebenermaßen gleicht die Aufgabe von Job und eigenen vier Wänden dem freien Fall. Es ist ein Weg ins Ungewisse, was einem auf der Weltreise durch die permanente Ablenkung durch äußere Einflüsse weniger auffallen wird, als wenn man einfach in der Heimat bleiben würde. Andererseits hat man bei diesem Schritt die große Chance, seine Weichen ganz neu, unbelastet und individuell zu stellen – die den vorigen vielleicht sogar ähneln können.

    Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Wie viel Luxus brauche ich? – All diese existenziellen Fragen kommen im Laufe der Zeit auf den Tisch und wenn man ganz neu wählen und entscheiden kann, wird man früher oder später für sich herausfinden, wie viel man zukünftig arbeiten möchte, wie viel Freizeit man braucht, wie klein oder groß die Wohnung sein soll, welche Hobbys gepflegt oder intensiviert werden wollen, ob man das Leben in der Stadt oder auf dem Land bevorzugt und ob das Dauerreisen oder das sporadische Unterwegssein die richtige Wahl für einen ist.

    Aber natürlich kommen zwischendurch auch immer mal wieder Ängste und Zweifel hoch (meist durch Einwände anderer): Wo soll ich hin, wenn ich plötzlich krank werde? Was mache ich, wenn mir das Geld ausgeht? – Wenn man sich vor Augen führt, dass man zwar viel planen kann, es am Ende aber keine wirkliche Sicherheit im Leben gibt, verlieren diese Worst Case Szenarien schnell wieder an Bedeutung. Viele Menschen zahlen ihr Leben lang in ein gesetzliches Rentensystem ein, das keine Garantie gibt, dass man im Alter mal davon leben kann – das finde ich zum Beispiel ein viel höheres Risiko.

    Eine wichtige Erfahrung: Während meiner langen Reise stellte sich überraschend heraus, dass ich für das permanente Unterwegsein nicht geschaffen bin. Es birgt zu viel Unruhe, Highlights werden weniger als besonders wahrgenommen und das Reisen wird mehr und mehr zur Gewohnheit. Auch die Vorfreude auf bestimmte Ziele wird geringer und zudem ist der mangelnde persönliche Kontakt zu Freunden und Familie auf Dauer unbefriedigend. Hinzu kommt, dass die Eindrücke einer Weltreise verarbeitet werden wollen, für die es bestenfalls eines räumlichen Stillstands bedarf.

    Wie viele andere Auszeitler brauchte auch ich nach dem einen Jahr auf Reisen wieder festen Boden unter den Füßen. Einen Rückzugsort, ein eigenes Reich mit meinen eigenen Sachen. Nicht mehr ständig aus dem Koffer oder Rucksack leben, wo getragene Sachen die anderen Sachen zum Mitmüffeln anstecken. Und nicht mehr Tag für Tag die wenigen gleichen Sachen tragen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings noch nicht, wo und wie ich wohnen wollte und da galt es eine Lösung zu finden.

    Was es heute braucht Bravebird

    Alternativen zur klassischen Wohnung

    Seit meinem Ausstieg gewannen Produktpreise und Kosten wieder an Bedeutung, ich musste rechnen. Selbst eine kleine Wohnung erfordert nicht nur einen monatlichen Mietpreis von mindestens 300 Euro. Hinzu kommen Umzugskosten, ggf. eine Küche, Einrichtungsdinge sowie regelmäßige monatliche Beiträge für Nebenkosten, Strom, Rundfunkgebühren, DSL-Anschluss, Hausratversicherung, womit man für einen kleinen Raum schnell bei über 500 Euro monatlich angekommen ist. Und dann hat man noch kein Auto, keine Lebensmittel, keine Kleidung, keinen Urlaub und andere notwendige Dinge bezahlt. Wo lag also die Alternative?

    Schon während der Reise wurde mir klar, dass Teilen einer der Schlüssel zum Sparen sein würde. Ein Freund stellte mir ein Zimmer seiner großen Wohnung zur Verfügung, in dem ich alle Sachen unterbringen konnte und die Dinge hatte, die ich brauchte – Bett, Dusche, WLAN. Und da sich langsam ankündigte, dass ich über meinen Blog endlich Geld verdienen würde, bot sich durch die Selbstständigkeit die Anmietung eines kleinen Büros an, das nun sozusagen meinen persönlichen Rückzugsort darstellt und wo ich mich tagsüber aufhalten kann.

    Im Laufe der Monate habe ich viele Konzepte durchdacht, jedoch bisher noch keins gefunden, das mich endgültig zufriedenstellt. Es gibt bisher nur wenige Alternativen für Menschen bzw. Singles, die einerseits viel unterwegs sind und andererseits trotzdem vernünftig wohnen möchten, wenn sie in der Heimat sind. In Köln und Umgebung muss man z. B. mit mindestens 30 Euro pro Nacht rechnen, wenn man in einem Hostel oder in einem Zimmer einer privaten Unterkunft unterkommen möchte. Das sind auf den Monat umgerechnet 900 Euro und damit natürlich viel zu teuer.

    Arbeiten und reisen gleichzeitigMittlerweile leben auch viele Menschen mit wenig Geld auf Campingplätzen, was eine günstige Wohnmöglichkeit mitten in der Natur darstellt. Man braucht lediglich einen Wohnwagen mit Vorzelt (Anschaffungspreis ca. 3.500 Euro) und kann dann meist auf ca. 80-100 qm Fläche für ca. 700-1.000 Euro im Jahr wohnen, was einer Monatsmiete von 50-90 Euro entspricht. In vielen Städten und Regionen kann man sogar mittlerweile seinen Wohnsitz auf den Campingplatz anmelden. Einziges Problem ist hierbei nur, dass viele Plätze im Winter – meist Oktober bis März – geschlossen haben.

    Ein etwas anderer Lebensstil: WG-Zimmer – Büro – Camper

    Für mich als Reisende und Heimatliebende zugleich birgt meine 3er-Kombi daher zum momentanen Zeitpunkt die beste und günstigste Lösung. Da ich hauptsächlich schreibend tätig und somit nicht auf einen festen Arbeitsplatz angewiesen bin, kann ich überall arbeiten.

    • Büro (Tag): Ein Zimmer mit Schreibtisch, PC, Drucker und allen persönlichen Sachen, Dokumenten und Unterlagen
    • WG-Zimmer (Nacht): Ein Zimmer mit Bett, Schrank, Dusche, Strom, Internet, ggf. Waschmaschine
    • Camper (Jederzeit): Für kurzentschlossene Tages- oder Wochenendausflüge oder für längere Reisen durch Europa, jederzeit einsatzbereit, mit Strom und Kühlschrank, auf Campingplätzen stehen Dusche und Waschmaschine zur Verfügung.

    Vorteil dieser Lösung ist, dass sie extrem variabel ist und von heute auf morgen geändert werden kann. Wenn ich unterwegs bin, verursacht es nur geringe regelmäßige Kosten zu Hause und wenn ich in Köln bin, habe ich gleich mehrere angenehme Aufenthaltsorte zur Auswahl. Gleichzeitig arbeite ich wieder für drei Wochen im Quartal in meinem früheren Job, mit dessen Einkommen ich den größten Teil meiner geringen Grundausgaben abdecken kann und mir somit ein Maximum an Freizeit zur Verfügung steht. Diese freie Zeit nutze ich wiederum für neue Projekte, z. B. die Entwicklung zweier Frauen-Rucksäcke, die ich erfolgreich über Crowdfunding produzieren konnte. Und bald folgt das nächste Projekt in Form eines Buches.

    Ortsunabhängig arbeiten

    Leben ohne Wohnsitz?

    Nein. Auch, wenn es sich cool anhören mag, keinen Wohnsitz zu haben, sehe ich darin keinen Vorteil. Im Gegenteil, vieles ist wesentlich umständlicher (Krankenversicherung, Bankkonto etc.). Falls ich mich mal für das Leben in einem anderen Land entscheiden sollte, würde sich mein Wohnsitz einfach entsprechend verändern. Wenn man die Wahl hat und sich zum Beispiel eines höheren Einkommens erfreuen kann, lohnt sich die Überlegung der Veränderung des Wohnsitzes unter steuerlichen Gesichtspunkten. Statistisch gesehen zahlen wir in Deutschland die höchsten Steuern und Abgaben weltweit. Hier muss man für sich selbst entscheiden, ob man an unserem Solidarprinzip teilnehmen möchte oder nicht. Wir haben eine extrem hohe Lebensqualität in Deutschland, die im Umkehrschluss eben auch Geld kostet.

    Unter den Selbstständigen ohne festen Wohnsitz ist die Gründung einer Offshore-Firma in Hong Kong oder anderen Steueroasen zum Trend geworden. Für mich kommt dieses Steuersparmodell nicht in Frage, weil es ein sehr komplexes steuerrechtliches Thema ist, dessen Risiken ich nicht abschätzen kann und möchte. Zum Beispiel bauen Gründer, die nicht genügend Substanz im Ausland aufgebaut haben (Büro vor Ort, Mitarbeiter etc.), aus Sicht der Finanzbehörden damit eine illegale Zwischengesellschaft auf. Auf diese sehr wackelige Basis möchte ich mich nicht begeben und würde ich auch nur empfehlen, wenn man auf eine professionelle und verlässliche Rechtsberatung zurückgreifen kann.

    Fazit

    Das Leben ohne eigene Wohnung ist meiner Meinung nach kein Ereignis, das man unbedingt mal erlebt haben muss. Für mich war und ist es eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung, die allerdings auf meiner persönlichen Geschichte beruht und mir immer noch sehr auf meinem eigenen, zugegebenermaßen etwas ungewöhnlichen Lebensweg behilflich ist. Das Äußere einmal beiseite zu legen und sich nur auf sein Inneres konzentrieren zu müssen, weil da nichts oder wenig anderes Materielles oder Festes ist, lässt heute vieles in einem anderen Licht erscheinen und hat mich zu einem glücklicheren und ausgeglicheneren Menschen gemacht. Des Weiteren habe ich die wichtige Erfahrung gemacht, dass es Orte gibt, an denen ich wesentlich kreativer bin und da ich heute fast ausschließlich kreativ arbeite, ist diese Feststellung für die Wahl einer festen Bleibe von enormer Wichtigkeit.

    Für mich ist es inzwischen an der Zeit, wieder eine feste Basis zu finden. Vor einigen Monaten habe ich auch schonmal etwas in »Auf der Suche nach Heimat« dazu geschrieben. Da ich in jeder Lebenslage an jedem nur erdenklichen Ort im Sitzen, Stehen und Liegen arbeiten bzw. schreiben kann, ist jedoch keine Eile geboten. Ganz im Gegenteil, es ist gerade vielmehr eine spannende Suche nach einem eigenen Rückzugs- und Wohlfühlort, die natürlich auch mit dem Einkommen zusammenhängt. Denn auch hier hat sich für mich herausgestellt, dass das Leben mit wenig Geld zwar für eine gewisse Zeit aufregend, anders und sehr lehrreich sein kann, für mich aber keine Dauerlösung darstellt. Man ärgert sich zu oft über zu hohe Preise, muss sich häufig einschränken und auf viele Genussdinge verzichten, wodurch man gedanklich zu stark im Mangel lebt, was sich negativ auf den Alltag und somit das persönliche Wohlbefinden auswirkt.

    Alternativ leben Bravebird

    Den Schritt ohne Job und Wohnung sollte man meiner Meinung nach nur gehen, wenn man…

    • ein gutes Umfeld mit Familie und Freunden hat, die einen im Falle eines Falles auffangen würden.
    • sich durch Krankenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, ggf. private Rentenversicherung bestens absichert.
    • weder Zukunfts- noch Existenzängste hat.
    • über ein gutes Selbstbewusstsein und eine stabile Mitte verfügt.
    • ein finanzielles Polster und/oder Wertgegenstände sozusagen als Notgroschen vorweisen kann.
    • bei guter Gesundheit ist!
    • keine Schwierigkeiten hat, wieder in einen Job einzusteigen, der Geld einbringt.

    Wie Forrest Gump schon sagte »Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was man bekommt!« sehe ich das Leben als eine aufregende Reise an und bin gespannt, wo die Reise noch hinführen wird.

     

    Categories: Allgemein

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